Baum

so begann es

Ende des 18. Jahrhunderts vollzog sich ein Wandel in den Naturwissenschaften. Für viele Phänomene, die bis dahin nicht erklärbar waren oder als gottgewollt dargestellt wurden, gab es nun eine völlig natürliche Erklärung.

Es gelang der Kirche immer weniger, die Menschen weiterhin für dumm zu halten. Doch dauerte es noch lange Jahre, bis auch die Kirche die Erde nicht mehr für eine Scheibe hielt. Die Herrschaft der Vernunft, das Zeitalter der Aufklärung begann. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ ist der Wahlspruch der Aufklärung des Philosophen Immanuel Kant.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts machten sich die neuen rationalistischen Bewegungen auch bei den beiden großen Konfessionen bemerkbar. Die Folge war eine große Kirchenaustrittswelle. Von der Orthodoxie heftig bekämpft, bildeten sich in vielen Teilen Deutschlands freireligiöse Bewegungen, von der Amtskirche unabhängige Gemeinden, die dem Einzelnen und der Natur höchste Autorität zubilligten und ihre eigenen Feste feierten.

In ihrem Umfeld entstand auch die erste Jugendweihe. Als ihr Gründervater gilt Eduard Baltzer, der 1847 die Freie Protestantische Gemeinde Nordhausen ins Leben gerufen hatte. Eduard Baltzer war Demokrat, Pfarrer und Abgeordneter der ersten Deutschen Nationalversammlung, die am 18. Mai 1848 in der Frankfurter Paulskirche zusammentrat.

Baltzers Bruch mit der Amtskirche, nicht aber mit dem christlichen Glauben, führte dazu, dass er 1852 anstelle der Konfirmation eine außerkirchliche Feier für junge Menschen veranstaltete, die er „Jugendweihe“ nannte.

Der Begriff „Jugendweihe“ setzt sich indes erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, unter dem Einfluss von Arbeitervereinen, Verbänden der Freidenker und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, durch.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts etablierte sich die Jugendweihe als die Feier, mit der konfessionsfreie Jugendliche hauptsächlich aus der Arbeiterschaft ihre Schulentlassung und den Übergang ins Berufsleben feierten, also den Übergang von der Kindheit in die Erwachsenenwelt. Bald feierten in den Großstädten mehrere tausend Jugendliche jährlich die Jugendweihe. Im Kalender der Arbeiterbewegung nahm sie nun einen festen Platz ein.

Mit dem Ende des ersten Weltkriegs erlebten die Freidenker einen großen Mitgliederzulauf. Die Großkirchen hatten auf beiden Seiten der Front Waffen gesegnet, das Völkerschlachten als gottgewollt dargestellt und natürlich Gott auch als Vertreter der eigenen Seite reklamiert. Viele suchten nach einer Alternative und waren einer Ansprache durch die konfessionsfreien Verbände zugänglich.

Ein bekannter Vertreter dieser Verbände war der langjährige Vorsitzende der freireligiösen Gemeinde Berlin, Adolph Hoffmann, der 1918/19 als USPD-Mitglied drei Monate als preußischer Kultusminister amtierte. Er verfügte die Befreiung von Religionsunterricht für Kinder von Dissidenten und Andersgläubigen, führte den gebührenfreien Kirchenaustritt ein und erneuerte die Korporationsrechte der freireligiösen Gemeinden.

Mit (kirchen)freien Schulen wurde die Jugendweihe in weiten Teilen der Bevölkerung ein Begriff. Schulabgänger der freien Schule gingen fast komplett zur Jugendweihe. Schulabschlußfeier und Jugendweihe waren identische Begriffe. Da ganze Schulklassen nun geschlossen an der Jugendweihe teilnahmen, schnellten die jährlichen Teilnehmerzahlen in die Höhe. So war die Zeit der Weimarer Republik das Goldene Zeitalter der Jugendweihe.

Der Aufschwung der Jugendweihe-Bewegung wurde mit der Errichtung der Hitler-Diktatur, der Übergabe der Macht an die Nationalsozialisten plötzlich unterbrochen. Die Jugendweihe wurde verboten und viele ihrer Protagonisten inhaftiert oder umgebracht. Die Nationalsozialisten führten eigene Feiern durch, die mit der Tradition der Jugendweihe-Bewegung nichts zu tun hatten.

von Dipl.-Päd. Michael Schmidt, Humanistischer Verband Nordrhein-Westfalen (gekürzt)
 

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